Erster Weltkrieg

Die Aktivitas konnte sich jedoch nur drei Jahre am neuen Haus erfreuen. Denn nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde es als Lazarett für Leichtverwundete dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt. Außerdem wurde das Bundesleben durch das Einrücken von 72 der 120 Aktiven empfindlich gestört. Entgegen der anfänglichen Idee, den Bund während der Kriegsdauer zuzumachen, wurde der ‚Betrieb‘ aber in reduzierter Form (mit durchschnittlich 20 Personen) auf der Kegelbahn oder im Turmzimmer weitergeführt, so daß die Traditionen und Riten den Ersten Weltkrieg unbeschadet überdauerten.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs ging jedoch auch in gewissem Sinne die harmonische Zeit bei der Fridericiana zu Ende. Im wieder aufblühenden Bund traten im Sommer 1920 zum ersten Mal Gegensätze zu Tage, die auch heute noch bestehen: Erstmals meldeten sich Stimmen, die meinten, man müsse sich an die farbentragenden Verbindungen anpassen. Man wollte sich vom alten Gründungsgeist verabschieden und das korporative Element mehr betonen. Diese Forderungen hingen zum einen damit zusammen, dass die ohnehin konservativer geprägten ‚Kulören‘ nach dem Versailler Vertrag in einer nationalistischer werdenden Grundstimmung immer stärkeren Zulauf bekamen und zum anderen das musische Element mit dem Tode Jenners 1920 einen schweren Schlag erhielt (es fanden einige Semester keine Konzerte mehr statt!). In diese Krise passt auch, dass während dieser Zeit einige Aktive der Korporationspartei eine große Anzahl von Ehrenhändeln anzettelte (z.B. ein Aktiver mit 6 Mensuren in 8 Semestern!), wodurch die Fridericiana in einen zusehends schlechteren Ruf geriet. Im Winter 1921 wurden daraufhin einige dieser Aktiven ausgeschlossen, was dann noch ungefähr ein Dutzend Austritte von Sympathisanten nach sich zog. Doch der Konflikt schwelte weiter.

Dem steht ein fast unglaubliches Beispiel für bundesbrüderlichen Zusammenhalt gegenüber: Im Jahr 1923 nahm die Inflation Ausmaße an, die die Kaufleute zwangen, ihre Waren zweimal am Tag neu auszuzeichnen. Auf den Geldscheinen standen Milliardensummen. Die Fridericiana löste die Probleme, die dieser Währungsverfall mit sich brachte, auf einfache aber geniale Weise: Am Monatsanfang brachte jeder Fridericianer seinen monatlichen Wechsel dem Bbr. Neumann und bekam dafür eine entsprechende Summe in einer eigenen Währung, der sog. Fridericianamark, ausgezahlt (1 Mark = 4,20 Fridericianamark in Anlehnung an den langjährigen Reichsmark-Kurs), die den Monat über wertbeständig blieb. Von den Wechseln wurden sofort Nahrungsmittel, Alltags- und Studienbedarf für alle für den ganzen Monat eingekauft. Während des Monats konnte sich dann jeder Fridericianer mit seiner stabilen Währung damit eindecken. Diese Methode funktionierte so hervorragend, dass der Universitätsrektor anfragte, ob Bbr. Neumann sie nicht auf die gesamte Universität übertragen könne, was Neumann aber aus Studiengründen ablehnen musste. Im übrigen setzte obiges Modell natürlich den vollen persönlichen Einsatz einiger Bundesbrüder voraus – wie gesagt, ein vorbildliches Beispiel. Diese Episode fand ihr Ende mit dem Währungsschnitt am 1 . Dezember 1923. Kein Ende fanden dagegen die schon erwähnten Flügelkämpfe zwischen den Anhängern von Musik- bzw. Korporationsprinzip. Über die Schwierigkeiten gibt ein Auszug aus dem Aktivenbericht aus dem SS 1926 Aufschluss:

Von Jahr zu Jahr fällt es schwerer, die nötige Anzahl von Füchsen zu bekommen. Heutzutage zieht es alle jungen Menschen zur Couleur und zum Mensurwesen. (…); sie gehen … zur Burschenschaft … oder zum Corps oder zur Turnerschaft. (…) Alle unsere Füchse … sind so eingestellt, daß sie … daß einmal notwendige Übel der Chorprobe mitnehmen, weil ihnen die Bundesbrüder und der strenger Korporationsbetrieb gefallen. Das ist heute die Einstellung aller jungen Menschen… Die brauchbarsten Keilfüchse wurden nicht aktiv, weil sie nicht in diesem Verbände sein wollten, obwohl sie brennend gern zur Fridericiana gegangen wären. (…)

Im letzten Satz spiegelt sich eine Abneigung gegenüber dem Dachverband wieder, die auch in der Aktivitas immer größere Bedeutung erlangte. Diese Abneigung rührte u.a. von der Fechtauffassung des AGV München und des AGV Würzburg her, die nicht, wie im Waffenring üblich, jeweils zu Semesterbeginn Fechtchargierte bestimmten, sondern bei Säbel-Chargen-Partien jeweils ihre besten Fechter antreten ließen. Nachdem sich der SV auch von einer herben Kritik des Waffenringes von diesem Verfahren nicht abbringen ließ, warf die Fridericiana dem SV mangelnde Rücksichtnahme auf die Sonderstellung der Fridericiana in dem von Couleuren beherrschten Marburg vor.

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